Zeitdokumente

Leseprobe

Thomas Fricke
EsPeDecula, die Untote
Satiren
ISBN 978-1-5497-7790-5


Nachfolgend (S. 77-84) Auszüge aus einigen der Quellen, die mir Inspiration waren für „Das wendige Pfäfflein“, „Der Bürgerrevolutionär“, „Interview mit Herrn Gockel“, „Nie wieder Zurückhaltung!“.

Das Terpe-Dossier

Hierbei handelt es sich um das 1991 in der „Welt“ veröffentlichte Gesprächsprotokoll [1] des Treffens von Joachim Gauck mit MfS[2]-Hauptmann Terpe nach dem Kirchentag der Evangelischen Kirche in Rostock, 1988. Gauck war als Vorsitzender des Kirchentagsausschusses der Landeskirche verantwortlich für Vorbereitung und Durchführung dieser Veranstaltung.
  Das Treffen fand, nachdem Gauck am Vortag telefonisch von Terpe kontaktiert worden war, in der Wohnung des Pastors statt, am 28.07.1988. Kontakte mit Mitarbeitern der Staatssicherheit, die keinen offiziellen Charakter hatten, waren aber – wie Joachim Gauck stets in den Medien beteuerte – von der mecklenburgischen Kirchenleitung untersagt worden. Gegen Ende des 90-minütigen Plauschs mit Terpe sagt Gauck, dass er den Landesbischof über das Gespräch informieren werde, und er fragt den MfS-Hauptmann in devoter Weise, ob der denn auch nichts dagegen habe.
  Es kann sich hier schwerlich um ein offizielles Gespräch gehandelt haben, denn dann hätte Gauck die Kirchenbehörde vor dem Treffen informieren und ihr Einverständnis einholen müssen. Zudem fanden offizielle Gespräche zwischen kirchlichen Vertretern und Stasi-Mitarbeitern wohl kaum in den Privatgemächern der Kirchenfunktionäre statt.
  Im Folgenden einige Auszüge aus dem Gesprächsprotokoll vom Treffen Gauck-Terpe (Aus Gründen der Authentizität hat „Die Welt“ auf eine Korrektur der orthografischen und grammatischen Fehler verzichtet.): 
   
Insgesamt war Gauck der Meinung, daß der Kirchentag in Rostock eine gelungene Sache war und schätzt das Ergebnis auch als sehr wichtig ein, weil es inhaltliche Neuerungen gebracht hat, die sich deutlich positiv abheben zu den Kirchentagen in Görlitz, Erfurt und Halle. Als besonders hoch schätzte er den begonnenen und doch auf einem hohen Niveau geführten Dialog mit Wissenschaftlern des Bereiches Marxismus/Leninismus der Universität Rostock und der Universität Greifswald ein. Er schätzte diese Maßnahme als einen echten Beitrag für den Beginn des Dialoges zwischen Marxisten und Christen ein und sieht hier sehr gute Bedingungen für die Weiterführung des Gespräches auf einer gemeinsamen Grundlage.
  In diesem Zusammenhang bedauerte es er, daß es trotz der positiven Ansätze im Dialog zwischen Christen und Marxisten nicht gelungen ist, einen kompetenten staatlichen Vertreter in die öffentliche Diskussion einzubeziehen. Er bezog sich hier als Beispiel auf das Auftreten von Prof. Reinhold 
[3] 1987 auf dem Kirchentag in Frankfurt/Main in der BRD und hatte die Absicht einen ähnlichen kompetenten Vertreter aus dem Zentralkomitee oder aus dem Staatssekretariat für Kirchenfragen zum Kirchentag in Rostock einzuladen und auch entsprechend auftreten zu lassen, um so auch die Dialogbereitschaft zwischen Christen, Marxisten staatlichen Vertretern zu realisieren.
[…]
Er nannte auch die steigende Anzahl von Menschen, die aus der DDR wegwollen und die bereits ein Übersiedlungsersuchen gestellt haben beziehungsweise sich im Vorfeld eines Übersiedlungsersuchens befinden, als erschreckend und bedrohlich und bezeichnete das besonders tragisch, daß junge Angehörige der Intelligenz besonders Ärzte wie auch Jugendliche die doch in der DDR politisch und fachlich ausgebildet und erzogen worden sind letzten Endes sich dafür entscheiden ein Leben außerhalb der DDR zu führen und somit seiner Meinung nach nur eine Unterentwicklung im Punkt Heimatgefühl besitzen.
[…]
Gauck äußerte, daß er selbst in seiner Gemeinde dahingehend wirksam werden will, daß er die ihm dort bekannten Übersiedlungsersuchenden durch Gespräche, mehrmalige Gespräche beeinflussen will, damit sie in der DDR bleiben.
  Hierzu wurde Gauck vom Mitarbeiter gesagt, daß diese Aktivitäten von ihm einen echten positiven Beitrag innerhalb der Arbeit mit Übersiedlungsersuchenden darstellen und wenn dann damit erreicht wird, daß ein Teil dieser Übersiedlungsersuchenden ihren Antrag zurückziehen, so sei damit viel erreicht. Weiterhin wurde in diesem Zusammenhang Gauck gedankt für seine Initiativen für seine langfristige gute Zusammenarbeit und Durchführung des Kirchentages, ihm wurde auch gedankt für seinen hohen persönlichen Einsatz und dieser Dank wurde vom Mitarbeiter nicht nur aus persönlichen Gründen vorgebracht sondern ihm wurde auch deutlich zu verstehen gegeben, daß dieser Dank seitens des MfS an Gauck ergeht.
[…]
Durch Gauck wurde abschließend eingeschätzt, daß ihn der Besuch eines Mitarbeiters des MfS im Ergebnis dieses Gespräches angenehm überrascht habe, daß der Inhalt dieses Gespräches ihn dazu veranlassen wird, seine Hal-tung zum MfS zu überdenken, obwohl er durch die/den verbalen Dialog mit dem Mitarbeiter des MfS noch nicht in seine Auffassung zum MfS endgültig überholt hat. Er glaubt aber auch, daß das MfS einen echten positiven Beitrag zur Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft einbringen wird.
[…]
Gauck informierte weiterhin, daß er im Ergebnis dieses Gespräches eine Information an den Landesbischof geben wird und fragte den Mitarbeiter, ob er dagegen Einwände habe. Durch den Mitarbeiter wurde Gauck gesagt, daß es seitens seiner Person keine Einwände gibt.
  Danach wurde das Gespräch beendet. Gauck brachte den Mitarbeiter bis zum Hausausgang und verabschiedete sich von ihm nochmals.
  In diesem Zusammenhang fragte Gauck den Mitarbeiter, ob er seinerseits etwas dagegen hätte, wenn er ihn, wenn er ein Problem hätte, anrufen könnte und mit ihm ein Gespräch vereinbaren kann/könnte.
  Der Mitarbeiter sagte Gauck, daß die Telefonnummer ja im Telefonbuch steht und da der Mitarbeiter sich namentlich gegenüber Gauck vorgestellt hat, er nur diesen Namen zu nennen brauchte, und er dann mit ihm verbunden wird.
[…]
Im Ergebnis des heutigen Gespräches ist einzuschätzen, daß die bisherigen Wertungen zur Person Gauck einer Präzisierung bedürfen. Es wird vorgeschlagen, den OV
[4] "Larve" zu archivieren und einen IM-Vorlauf[5] anzulegen. Weiterhin erscheint es sinnvoll, den Kontakt zu Gauck langfristig aufrechtzuerhalten und zumindestens 1988 ein weiteres Kontaktgespräch durchzuführen.

Peter-Michael Diestel (CDU), der 1990 Innenminister der einzigen durch freie Wahlen legitimierten und zugleich letzten Regierung der DDR war, schreibt in einem Zeitungsartikel hinsichtlich des Treffens von Pastor Gauck mit MfS-Hauptmann Terpe: 
   
Seitdem ich die Demaskierung Gaucks in der Welt vom 23. April 1991 gelesen habe, weiß, sage und schreibe ich: Das Terpe-Papier reicht aus, ihn wie Tausende andere aus dem Öffentlichen Dienst zu verbannen. [6]

[1] Das Gesprächsprotokoll wurde am 23.04.1991 in der „Welt“ (Nr. 94, S. 8) veröffentlicht und 2012 von Iknews.de ins Internet gestellt.

[2] MfS ist die Abkürzung für „Ministerium für Staatssicherheit“.

[3] Otto Reinhold, geb. 1925 in Altrohlau (Stara Role/Tschechien), Wirtschaftswissenschaftler; 1962-1989 Direktor/Rektor des Instituts für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED bzw. der Akademie für Gesellschaftswissenschaften (Umbenennung 1976); 1967-1989 Mitglied des Zentralkomitees der SED.

[4] OV ist die Abkürzung für „Operativer Vorgang“. Die Stasi hatte Gauck bis zum Treffen mit Terpe im Visier gehabt. Im Ergebnis des Gesprächs schlug Terpe seiner Behörde mit Erfolg vor, den OV, also die Beobachtung von Gauck, einzustellen. Zudem war Terpe überzeugt davon, ihn als Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) gewinnen zu können.

[5] Als IM-Kandidaten ausgewählte Personen waren laut Durchführungsbestimmung des Ministeriums für Staatssicherheit IM-Vorläufe. Vgl. hierzu: Peter-Michael Diestel: „Auf Wiedersehen, Herr Gauck“ in: „der Freitag“, 28.04.2000.

[6] Ebd.

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