Versfüßige Satiren

Leseprobe

Thomas Fricke
EsPeDecula, die Untote
Satiren
ISBN 978-1-5497-7790-5


EsPeDecula, die Untote


Sie starb von eigner Hand vor hundert Jahren,
Getötet im Bewilligungsverfahren
Für Kriegskredite, Massenmord und Not.
Die Kampfpartei verblich, war nicht mehr rot.

Doch seltsam, die bei Kriegsbeginn verblichen,
Aus der war aller Kampfesgeist entwichen,
Sie regte sich, bewegte sich, trank das Blut
Der einstigen Genossen, das schmeckt’ ihr gut.

Sie soff das Blut der Räterepublikaner,
Der ihr verhassten Roten, der Spartakianer.
Im Bunde mit dem braunen Freikorps-Mopp
Erledigte sie ihren blutigen Job.

EsPeDecula durfte nun regieren,
Im Auftrag von Konzern-Finanz-Vampiren,
Und legte sich mit diesen gern ins Bett,
Die Untote, sie tat auch noch kokett.

Dann war für’n Dutzend Jahre sie entbehrlich,
Dem Schickelgruber wurd sie nicht gefährlich.
Doch nach dem Großgemetzel brauchte man sie
Für die neualte Staatsmaschinerie;

Für Aufschwung, Industrie und Wirtschaftswunder,
Für den Sozialpartnerschaft-Gefasel-Plunder,
Für die Koalitionen mit Gelb und Schwarz,
Und für die große Radikalen-Hatz.

Als der gepriesne „Sozialstaat“ dann ging unter,
Da schwand EsPeDeculas Einfluss, o Wunder.
Sie zog zurück sich, in die GroKo-Gruft,
Aus dieser steigt ein übl Verwesungs-Duft.

Sie greint von der Erneu’rung in vier Jährchen,
Erzählt, wie immer, noch andere Märchen.
Sie hat das Volk verraten tausendmal
Und kann nicht sterben – bis zur nächsten Wahl. 
 

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Das wendige Pfäfflein

1 

Es war ein Pfäfflein, blass und klein,
Das lebte an der Küste
Und wollte gern was Großes sein,
Es hatte Machtgelüste.

Da rief es an ein Schlapphutmann
Und fragte, ob Zeit es habe.
Das Pfäfflein sagte: „Ja, ich kann,
Wenn Sie eine hohe Charge.“

Als Schlapphut kam, sprach’s Pfäfflein zu ihm:
„Herr Hauptmann, wie ich mich freue,
Ein hoher Dienstgrad ganz intim
In meiner bescheidnen Pfarreie.“

Der Schlapphut hat sodann gefragt,
Wie’s war auf dem Kirchentage.
Da hat das Pfäfflein nicht gezagt,
Gab Antwort auf jede Frage.

Besonders lobte es den Dialog
Der Christen mit den Marxisten,
Nur hab gefehlt der Chefideolog,
Den Reinhold sie vermissten.

Der Schlapphut dankte dem Pfäfflein sehr,
Tat ihm manch Gunst erweisen,
So durft’ es beispielsweis nunmehr
Erneut in den Westen reisen.

Das Pfäfflein, außer sich vor Freud,
Tat sich nun ganz entfalten,
Es bat den Schlapphut, nun ab heut
Kontakt mit ihm zu halten. 

2

Der Schlapphut notierte in die Akte:
„Der Mann ist Kandidat,
Ich hab zu ihm ein gut Verhältnis,
Auch dient er gern dem Staat.“

Doch plötzlich kam im Herbst die Wende,
Das Pfäfflein war in Not:
„Ich hab gesetzt auf die ganz Falschen,
Zum Teufel, sapperlot!

Was steht denn bloß in meinen Akten?
Ich glaub, ich bin verlorn!“
Doch witterte bald es neue Chancen
Und war wie neugeborn.

Auf Podien schwang es kühne Reden,
War gänzlich bürgerbewegt,
Es spielte den Musterdemokraten
Und hat die Roten geschmäht.

Dann ging’s in die Rostocker Sammlung,
War ganz allein im Raum
Und stundenlang konnt es in Ruhe
Die Akten durch nun schaun.

Die Blätter, die es kompromittierten,
Die steckte nicht es ein,
Es stellte keinesfalls so selber
Sich aus den Reinheitsschein.

Und das ist wahr, weil doch so ehrlich
Das Pfäfflein allezeit.
Wer Böses dabei denkt und kichert,
Der ist ja nicht gescheit.

3

Erhalten blieb das Dokument,
Wo man mit Dank das Pfäfflein nennt,
Das Protokoll von dem Besuche,
Dem Pfäfflein stand’s fatal zu Buche.

Dann druckte es auch noch Die Welt,
Man sah: das Pfäfflein war kein Held.
Ein jeder konnt das Gespräch nun lesen,
Mit Schlapphut, der bei ihm gewesen.

Da stand ihm auf der Stirn der Schweiß
Und rann auf’m Rücken bis zum Steiß.
Doch seltsam, um das Pfäfflein zu retten,
Relativierten die meisten Gazetten.

Dies hatte nun darin seinen Grund,
Dass es als Chef der Behörde vorstund,
Die mehr verdunkelt als aufzuklären,
Da wollt’ das Pfäfflein man nicht entbehren.

Es war nun wieder sorgenfrei
Und jetzt mit noch mehr Eifer dabei.
So stellte es, was kaum zu fassen,
Schlapphüte ein zum Berichte verfassen,

Wie Akten zu bewerten sind,
Und hoffte, dass man so was find’
Von unbequemen Ost-Personen,
Zur Not durch Manipulationen.

Das Pfäfflein sitzt im Satt’l wie nie
Und singt: „Sweet dream of liberty,
Ich bin der größte Demokrate
In diesem wunderbaren Staate.“

Auszüge aus einigen der Zeitdokumente, die mir Inspiration für dieses Gedicht waren, finden sich im Anhang („Zeitdokumente und Anmerkungen“) des Buches. Hier eine Leseprobe aus dem Anhang.

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