Texte über Bücher

 

Christa Wolf
Die Lust, gekannt zu sein. Erzählungen 1960-1980

Von einer Liebesgeschichte bis zum „Ausflug“ nach „Heldenstadt“

Diese neun Erzählungen von Christa Wolf haben auch auf Grund der Jahre ihrer Entstehung – innerhalb von zwei Jahrzehnten – zum Großteil sehr verschiedene Themen. Ihren unverwechselbaren Erzählstil hat die Autorin aber bereits mit ihrer zweiten Erzählung, „Juninachmittag“ (1967), gefunden, jener humorvollen Schilderung eines Sommertags mit ihren beiden Töchtern und ihrem Mann auf dem Lande, im Garten der Familie. Es folgen zwei Erzählungen, die Variationen von Teilen oder Kapiteln aus Christa Wolfs großem Roman „Kindheitsmuster“ sind, nämlich „Blickwechsel“ und „Zu einem Datum“.
Besonders gefallen haben mir auch „Neue Lebensansichten eines Katers“, „Selbstversuch. Traktat zu einem Protokoll“ und „Kleiner Ausflug nach H.“. Der Kater ist ein Nachfahre des Katers Murr von E.T.A. Hoffmann. In dieser Satire wird die blinde Fortschrittsgläubigkeit von Wissenschaftlern persifliert, die vermittels „wissenschaftlicher“ Methoden die perfekte Gesellschaft mit stets glücklichen und stets physisch und psychisch gesunden Menschen kreieren wollen.
In dieser Erzählung wie auch in „Kleiner Ausflug nach H.“ zeigt sich Christa Wolfs exzellentes Talent als Satirikerin. Der „Ausflug“ ist eine Reise nach „Heldenstadt“, wo die „Helden“ der Autoren ihr imaginäres Dasein fristen. Neben Kritik an Literaturwissenschaft, Schriftstellerverband und angepassten künstlerischen Konzepten wird hier auch und vor allem die Politik kritisiert, welche die Autoren zu beeinflussen und ihnen vorzuschreiben versuchte, wie literarische Werke aufgebaut sein müssten und welchen Inhalt sie haben sollten. Dieser Text – bei dem die Handlung zwar in einem anderen Land spielt und der ganze Ausflug sich am Ende als geträumt erweist – konnte schwerlich die Zustimmung der Zensoren finden. Konsequenterweise veröffentlichte Christa Wolf diese Erzählung 1980 beim Luchterhand Verlag.

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Christa Reinig
Feuergefährlich. Gedichte

Faszinierend, radikal, von großer Bildkraft!

Besonders umfangreich ist das lyrische Werk dieser Dichterin nicht, auch hat sie ihre besten Gedichte bis Mitte der 60er geschrieben, während dann ihre dichterische Kreativität nachließ, so dass sie Ende der 70er beschloss, keine Gedichte mehr zu schreiben, sondern ausschließlich Prosa. Dass das lyrische Vermögen bei Dichtern nicht bis ins hohe Alter reicht, sondern Jahrzehnte früher verebbt, ist nichts Besonderes, sondern eher die Regel. Nur schreiben viele munter unmunter weiter, ohne wirklich Neues zu schaffen.
Die Gedichte Christa Reinigs aber, die sie bis Mitte der 60er Jahre schrieb, sind in ihrer Mehrheit faszinierend, radikal, von großer Bildkraft und gehören zum Besten der deutschen Literatur, wie etwa "Die Ballade vom blutigen Bomme" (mit welcher sie bekannt wurde), "Der Rächer", "Der Henker", "Robinson", "Der Hirte", "Der Soldat", "Der Enkel trinkt", "Hört weg!".

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Pierre Bertaux
Friedrich Hölderlin. Eine Biographie

Scharfsinnige Argumentation und spannende Lektüre!

„Im Namen Hölderlins!“, mit diesem Bekenntnis beginnt und endet die ebenso leidenschaftliche wie intelligente, von Pierre Bertaux verfasste Biografie Hölderlins. Bertaux klopft jedes historische Dokument ab, mit geradezu kriminalistischer Akribie. So geht er etwa einem Waiblinger nicht auf den Leim, dem ersten „Biografen“ Hölderlins. Wilhelm Waiblinger, der Hölderlin mehrmals in Tübingen heimsucht, ihn auch zu Spaziergängen und in ein von ihm gemietetes Gartenhaus einlädt – freilich nicht ohne eigennützige Hintergedanken. Waiblinger will einen Roman über einen wahnsinnigen Künstler schreiben, Hölderlin soll ihm hierfür als Vorlage dienen. Das Vorgehen und die Schilderungen Waiblingers von Hölderlins vermeintlichem geistigen Zustand haben freilich etwas von einem „Bild“-Reporter. Waiblinger behauptet zum Beispiel, Hölderlin habe keinen Gedanken mehr entwickeln können. Dies wird von Bertaux auf eindrucksvolle Weise widerlegt. Hölderlin war mitnichten ein Umnachteter! Wie, so frage ich, wären Gedichte wie „Wenn aus der Ferne ...“ und „Das fröhliche Leben“ sonst möglich? Beide sind so genannte Turmgedichte oder späteste Gedichte, die während Hölderlins zweiter Lebenshälfte (1806-1843) – der „umnachteten“ – entstanden. „Umnachtet“ ist hierbei ein von diversen Biografen und Germanistik-Professoren gebrauchtes Synonym für „schwachsinnig“, „geisteskrank“.
Der Großteil der anderen überlieferten Turmgedichte (50) sind Improvisationen nach dem Baukastenprinzip, die meist von den Jahreszeiten handeln, Reimpaare wie Himmel/Gewimmel und meiste/Geiste haben – schnell hingeworfene Verse, mit denen Hölderlin ihm mehr oder minder lästige Besucher abspeiste, die ihn als Kuriosität zu besichtigen kamen.

Höchst aufschlussreich sind auch die Gründe, die Bertaux für jene Reaktion Hölderlins nennt, die – nach Meinung anderer Biografen und Experten – angeblich den ersten Ausbruch seiner „Krankheit“ markieren würde, nämlich als er 1802 von Bordeaux (und Frankfurt und Stuttgart) zurückkehrt und Mutter und Schwester aus dem Haus jagt. Nach Hölderlins Grenzübertritt Straßbourg/Kehl vergehen ein paar Wochen bis er in Nürtingen bei der Mutter eintrifft. Mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit war Hölderlin während dieser Zeit in Frankfurt, um seine große Liebe, Susette Gontard, seine Diotima, noch einmal zu sehen. Ob er zu der Todkranken vorgelassen wurde, kann weder belegt noch ausgeschlossen werden.
Sein Reisekoffer aber, der auch die Briefe Susettes, in einem verschlossenen Behälter, enthielt, war bereits vor seiner Ankunft in Nürtingen mit der Post eingetroffen. Die Mutter brach den Behälter auf, las die Briefe und machte Hölderlin gewiss die bittersten Vorwürfe, weil er ein Verhältnis mit einer Verheirateten gehabt habe. Dies alles vorausgesetzt, verwundert es freilich nicht, dass Hölderlin, zumal Choleriker, ausrastete.

Pierre Bertaux schreibt, dass Hölderlin vor allem infolge der Traumata während des zweiten Homburger Aufenthalts (1804-1806), der monatelang drohenden Verhaftung und lebenslangen Einkerkerung auf dem Hohenasperg (wie Jahrzehnte zuvor der Schriftsteller Schubart), sowie seines gewaltsamen Abtransports nach Tübingen und den Misshandlungen während der 231-tägigen Zwangsbehandlung im Krankenhaus, der von Autenrieth geleiteten Klapse – dass Hölderlin danach ein zum psychischen Krüppel Geschlagener war. Einer, der sich in sich zurückzog, mit der Außenwelt nicht mehr oder kaum noch kommunizierte. Keinesfalls aber war Hölderlin ein Umnachteter, Schwachsinniger!

Die stringenten und scharfsinnigen Argumentationen Bertauxs sind eine spannende und sprachlich angenehme Lektüre – und eine Genugtuung.

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Reinhard Horowski
Hölderlin war nicht verrückt. Eine Streitschrift

Zur Erhellung des Lebensweges von Friedrich Hölderlin …

… leistet Reinhard Horowski mit seiner Streitschrift „Hölderlin war nicht verrückt“ einen wertvollen Beitrag, insbesondere und vor allem, was die zweite Lebenshälfte Hölderlins, die so genannte „umnachtete“, betrifft.
An neuen Erkenntnissen, die der Arzt und Pharmakologe Horowski hier seiner Leserschaft plausibel vermittelt, sind besonders die folgenden zu nennen:

1. Autenrieth, dessen Zwangsbehandlung Hölderlin in Tübingen 1806/07 ausgeliefert war, hat seinen Patienten mit Kalomel (Di-Quecksilber-di-chlorid), in Kombination mit Cantharidin, nachhaltig geschädigt, vergiftet. Diese „Medikamente“ habe Autenrieth in bester Absicht verabreicht. Denn die merkwürdige Idee des Medikus Autenrieth, welche seinen Therapieversuchen zugrunde lag, bestand darin, dass er vermittels des hochgiftigen Abführmittels Kalomel tatsächliche oder vermeintliche Geisteskrankheiten, die er „innere Krätze“ nannte, aus dem Darm, wo er den Sitz der Krankheit vermutete, abführen wollte. Kalomel darf heute in der Medizin nicht mehr angewandt werden.

Detailreich und mit prominenten Fällen einer Quecksilbervergiftung belegt, verdeutlicht Horowski, was die Symptome einer solchen Vergiftung sind, die sich auch bei Hölderlin nach der „Behandlung“ durch Autenrieth zeigten und die so gar nicht zu den Symptomen einer Schizophrenie passen.

2. Gänzlich unsinnig hingegen sind die Behauptungen diverser Psychiater, seit dem 19. Jh. bis in unsere Tage hinein, Hölderlin sei in seiner zweiten Lebenshälfte „schizophren“ und „schwachsinnig“ gewesen. Manche behaupten gar, Hölderlin sei sein ganzes Leben lang geistig nicht gesund gewesen.

Zudem vermengten sich einige Psychiater mit der Literatur: sie wollten anhand von Hölderlins Gedichten nachweisen, dass er schizophren gewesen wäre. Wie unhaltbar und unsinnig derlei Ergüsse dieser auf dem Gebiet der hohen Literatur dilettierenden Medikusse sind, auch dies verdeutlicht Horowski gekonnt und auf genüssliche Weise.

3. Reinhard Horowski weist auf Grundlage der nach Hölderlins Tod erfolgten Autopsie durch die Ärzte Rapp und Gmelin nach, dass Hölderlin an einer Aortenklappen-Stenose litt, deren Folgen Atemnot und schwere Schlafstörungen waren, und die letztlich 1843 zum Tod von Hölderlin führte. Dieses Detail der Autopsie wurde von diversen Biografen und Psychiatern meist übersehen oder nicht zur Kenntnis genommen.

Die vorliegende Streitschrift ist eine wichtige Ergänzung zu den Erkenntnissen und Argumentationen, welche Pierre Bertaux mit seinem genialen Buch „Hölderlin. Eine Biographie“ vermittelt.

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Daniela Dahn
Demokratischer Abbruch. Von Trümmern und Tabus

Radikaldemokratisch im besten aufklärerischen Sinne

Oft wird Daniela Dahn eine „Jeanne d’Arc des Ostens“ genannt. So ehrenvoll diese Bezeichnung ist, so greift sie doch zu kurz, denn nicht nur die Verhältnisse in Ostdeutschland nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten sind Gegenstand ihrer Gesellschaftskritik. Vielmehr sind es auch gesamtdeutsche und globale Zusammenhänge, die im Mittelpunkt ihrer analytisch scharfsichtigen, präzise recherchierten und sprachlich exzellenten Essays, Feuilletons und politischen Streitschriften stehen. Auch halte ich es für wenig einfallsreich, eine Person vermittels einer anderen erklären zu wollen. Aber, nun ja, vielleicht wird man eine künftige Publizistin als eine „Daniela Dahn des Westens“ nennen (oder des Südens/des Nordens).

Dass soziale, politische und wirtschaftliche Fragestellungen in vieler Hinsicht nur global zu lösen sind, hierfür wird insbesondere in folgenden Kapiteln argumentiert:
- Wir sind auf dieser Erde verdammt, uns zu vertragen. Vortrag auf dem internationalen Friedensratschlag in Kassel;
- Märchen aus 10 und 1 Nacht. Wächst im Jemen zusammen, was zusammen gehört?;
- Zehn Forderungen an eine neue Weltordnung. Vorgetragen auf der Lesenacht gegen den Irakkrieg im Deutschen Theater Berlin;
- Globalisierung des Zorns. Das Weltsozialforum in Mumbai im Rückspiegel;
- Gegeninformationen für alle. Die globalternative Bewegung braucht ihren eigenen Weltfernsehsender.

Weitere Kapitel enthalten die desaströse Art und Weise, wie die deutsche Wiedervereinigung vollzogen wurde, den zunehmenden Abbau von Demokratie in Gesamtdeutschland, Daniela Dahns „Dankesrede zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises in der Frankfurter Paulskirche“ sowie Porträts von Autoren wie etwa Günter Grass und Günter Gaus. Besonders gefallen hat mir auch das „Plädoyer für die Paradiesschlange“, eine eigenwillige und originelle Deutung einer biblischen Geschichte, nämlich der Vertreibung aus dem Paradies. Am Ende des Buches steht, "statt eines Nachwortes", ein Auszug "Aus der Laudatio von Jorge Semprun zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises".

Es gibt wenige Autoren, die so radikaldemokratisch - im besten aufklärerischen Sinne - und sprachlich gekonnt schreiben wie Daniela Dahn. Es ist nicht übertrieben, sie eine Lichtgestalt der Aufklärung zu nennen.

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